Deprecated: mysql_connect(): The mysql extension is deprecated and will be removed in the future: use mysqli or PDO instead in /www/joo/config.inc.php on line 57 galerie JO VAN DE LOO
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Mit dem Ausstellungstitel Time Is a Waste ruft Tim Bennett ein – zugegebenermaßen recht obskures – zeitliches Register auf. Tatsächlich geht es in seinen Arbeiten (auch) um Zeit und deren verschiedenartige Manifestationen. Zunächst einmal um Geschwindigkeit, im Sinn von Beiläufigkeit und Spontaneität. Wie schon bei früheren Bildern gibt es auch für die p.o.t.d. Reihe ein vorgelagertes Set an Parametern, die den Prozess der Formfindung pragmatisch verkürzen. Ausgehend von „scribbles“, genauer gesagt von Stiftproben in Schreibwarenläden und deren inhaltsfreier Zeichenhaftigkeit, hat Bennett Formen auf Papier gebracht, die rasch und ohne kompositorische Kontrolle durch das Auge entstehen. Diese Zeichnungen werden in zweiter Instanz auf einen Bildträger gebracht und schichtweise zu einer Gesamtkomposition arrangiert. Hier endet die Geschwindigkeit und überlässt einer anderen Form von Zeitlichkeit das Feld. Was jetzt folgt ist ein langwieriger Prozess, der bestimmt ist von handwerklichen Anforderungen wie langen Trocknungsphasen des Materials; von sukzessiven kompositorischen Entscheidungen über passende oder spannungsgenerierende Überlagerungen; von der Überführung von Spontaneität in eine beständige Bildkonfiguration. In seinen Bildern werden verschiedene Zeitlichkeiten gegeneinander aufgefahren, Geschwindigkeit wird dabei nur vorgetäuscht. Sie geben vor zu sein was sie nicht sind, implizieren also ein „Anderes“. Das ließe sich auch für den Titel behaupten. Tim Bennett wählt eine „verkehrte“ Aussage („time is a waste“ – Zeit ist Verschwendung, statt „a waste of time“ – Zeitverschwendung), die zwar grammatikalisch korrekt ist, sich aber nicht in ein sinnhaftes Gefüge auflösen lässt und im Grunde immer auf ihren semantisch intakten Vorläufer verweist.

Loopartige Übertragungen zwischen verschiedenen Medien mit ihren spezifischen Traditionslinien bestimmen die neuen Arbeiten von Tim Bennett, die sich zunächst einmal als Bilder ausgeben. Gearbeitet sind sie jedoch in Spanplatte, in die er Spuren hineingefräst hat, die wiederum in mehreren Schritten mit gefärbtem Stuckmarmor aufgefüllt und zu einer planen Fläche geebnet wurden. Übrig bleibt ein Bild mit verworrenen Lineamenten in klarer, leuchtender Farbgebung, das nur bei oberflächlicher Betrachtung als zweidimensionales durchgeht. Aber genau um die Oberfläche geht es bei dem Material. Denn Stuckmarmor war ursprünglich zu nichts anderem gedacht, als die Oberflächenerscheinung von Marmor zu imitieren. In einem aufwändigen Arbeitsprozess aus Gips, Knochenleim und verschiedenfarbigen Pigmenten hergestellt, wurde der „Marmorkuchen“ erst geknetet – um die Einschlüsse und Maserungen des Steins zu imitieren und sogar ästhetisch fortzuschreiben – und dann in Scheiben auf den Untergrund aufgetragen und endverarbeitet. Dass Stuckmarmor bisweilen teurer war als echter Marmor, ähnlich wie Tim Bennetts Arbeitsschritte weit aufwändiger sind als wenn er, und um dieses Bild geht es ja, frisch aus der Tube Farbe auf die rohe Leinwand gedrückt hätte, scheint eine fast zwingende Koinzidenz.
Seine Beschäftigung mit Stuckmarmor begann mit der Darstellung von Wurst – betitelt als p.o.t.d. „portraits of the dead“. Die Motive zeigen Mortadella, Schinkenwurst und Salami, die mit ihren rosanen bis dunkelroten Farbtönen und helleren Einschlüssen von Fett und anderen Zutaten der Struktur von Marmor nicht unähnlich sind (Dazu der Hinweis, dass der regionale rote Marmor, der in den Münchner Bauten der Nationalsozialisten wie dem heutigen Haus der Kunst verwendet wurde, im Volksmund „Blutwurstmarmor“ genannt wurde) Nimmt man die Wurst als Motiv ernst, eröffnet sich eine Gemengelage aus Originalen und Imitaten, die sich kaum mehr auflösen lässt. Weder auf der Motivebene – wenn man mit Stuckmarmor eine Struktur abbildet, die dem Referenzpunkt des Arbeitsmaterials aus ganz anderer Richtung kommend formal ähnelt, was wird dann eigentlich dargestellt? – noch auf Ebene des Mediums und des Materials – wenn die als Bildträger verwendete rohe Spanplatte aussieht wie grobe Nessel, das Objekt an der Wand hängt, die Bildfindung jedoch über bildhauerische Prozesse des Aushebens und wieder Auffüllens von Material funktioniert, womit hat man es dann zu tun? Antworten sind von den p.o.t.d. nicht zu erwarten. Eher schon geht es um das Spekulative als künstlerischen Aktionsraum.
Tim Bennetts Arbeiten sind immer auch Arbeiten über die Bedingungen und Möglichkeiten des Kunstmachens. Sie operieren über die Engführung vermeintlich binärer kunsthistorischer Register: Malerei und Bildhauerei; Formalismus und Gegenständlichkeit (wobei seine abstrahierenden Darstellungen gegenständlicher Vorlagen nicht der modernen Geschichte der Abstraktion verpflichtet sind); Kunst und Handwerk (neben den Stuckmarmor-Bildern hat Bennett zahlreiche Arbeiten in Holzintarsien-Technik gefertigt; dabei spielt die Veredelung von Baumarkt-Werkstoffen eine zentrale Rolle). Seine Bilder und Objekte verorten sich an diesen Schnittstellen, allerdings nicht als Position der Gleichgültigkeit, sondern als fruchtbarer Möglichkeitsraum. Mit einer guten Portion Humor vermeidet er angesichts der Überfülle kunsthistorischer Vorbilder in Lähmung und Depression (siehe Dürers Melencolia) zu verfallen. Nil Desperandum, kein Grund zur Verzweiflung lautet passenderweise der Titel einer bemalten Gipsstruktur aus dem Jahr 2006. Er nimmt sich die Freiheit, sich ohne Rücksicht auf Hierarchien und Gattungsgrenzen in das komplexe Gefüge der Kunstgeschichte einzuschreiben. Was dabei herauskommt, sind ebenso kluge wie unterhaltsame Arbeiten.
Textauszug aus: Patrizia Dander, Tim Bennett - Time is a Waste, erschienen im gleichnamigen Katalog, 2014