NOW / SOON / PAST / NEWS / ARTISTS / ABOUT / CONTACT
WORKS / INSTALLATION VIEWS / TEXT
THE ARTIST

English version coming soon


D

Ave Maria, miracula. Und grimmig stand der Teufel da.

Bombenkrater, Teufelsstein. Die Titel von Henning Rogges
jüngsten Serien benennen präzise worum es geht: Um
die bis heute an verschiedenen Orten, in Wäldern und auf
Brachflächen sichtbaren „offenen Wunden“ des Zweiten
Weltkriegs in der einen, um sagenumwobene, mit Spuren
einer teuflischen Begegnung versehene ungewöhnliche
Steine in der zweiten (vgl. unten 1). Mit den Teufelssteinen bewegt sich
Rogge von den kreisrunden Löchern und Vertiefungen in
der Landschaft, die die Bombenkrater ausmachen, hin zu
Objekten, die skulptural in die Höhe ragen, sich aber ebenfalls
größtenteils in ländlichen und bewaldeten Gebieten
befinden. An die Stelle der zurückgebliebenen Leere tritt
die geballte Materie – viele der so genannten Teufelssteine
verfügen über ein derartiges Gewicht, dass sie weder versetzt
werden können noch zerstörbar sind, einmal abgesehen
von der abergläubischen Angst, die mit einem solchen
Eingriff einhergehen würde.

Beide Serien überzeugen als dichte Landschaftsfotografie,
jede Aufnahme erscheint für sich gesehen auf gänzlich
unspektakuläre Weise spektakulär. Mit stiller Faszination
berichten sie von der Gegenwärtigkeit des Vergangenen.
Während wir vom Krieg dabei alle zumindest eine vage
Vorstellung besitzen, ist das Wissen um Teufelssteine heute
eher lokal verankert und auf spezielle Interessengruppen
begrenzt. Es erscheint als Fundus unterschiedlicher Traditionslinien,
von denen aus ideologischen Gründen mal
diese, mal jene in den Vordergrund gestellt wird: Alte und
neue Nazis verehren die Steine ungeachtet des slawischen
Einflusses auf die kultischen Handlungen als germanische
Heiligtümer, Esoteriker schwärmen von ihnen als strahlende
Kraftorte und Energiezentren, konservative christliche
Glaubensgemeinschaften heben ihre Rolle als missionarische
Walfahrtstätten hervor.

Viele Mythen existieren seit dem Mittelalter und wurden
im 19. Jahrhundert erstmals verschriftlicht. Die großen
Findlinge, die – abgeleitet von dem lateinischen Verb errare
für irren – auch als erratische Blöcke bezeichnet werden,
sind in der Regel als ortsfremdes Gestein erkennbar. Geologisch
gesehen beginnt ihre Geschichte also wesentlich
fru?her und zwar als Migrationsgeschichte. Anschaulich
beschreibt dies Konrad Reiß auf der Webseite der Stadt
Zörbig, im Landkreis Anhalt-Bitterfeld gelegen und Standort
eines Flins, Flinz oder Flenz genannten Teufelssteins
aus rotem schwedischen Granit (vgl. unten 2).

"Vor über 2 Millionen Jahren begann im Pleistozän, der
älteren Abteilung des Quartär, die nördliche Erdhalbkugel
völlig zu vereisen. Die bis dahin überall vorkommenden
aktiven Vulkane erloschen. Mächtige Gletscher mit einer
Stärke von über 3000 Meter wanderten in Mitteleuropa
langsam aber unaufhaltsam Richtung Süden. Was sich den
Riesengletschern in den Weg stellte, wurde mitgenommen.
Sie machten auch nicht vor riesigen Steinen halt. Nach
dem Abschmelzen der Eismassen bildeten sich dann große
Moränenbögen. Auch der Stein im Fuhnegebiet zwischen
Zörbig, Zehmitz und Löberitz kam so an sein Ziel."

An gleicher Stelle findet sich auch ein um 1930 entstandenes
Gedicht des Löberitzer Dichters Paul Losse, das der
wechselnden Bedeutung des Steins im Laufe der letzten
Jahrhunderte gewidmet ist. Es bezieht sich ebenso blutrünstig
wie missbilligend auf überlieferte Bräuche des
germanisch-slawischen Heidentums, um schließlich und
quasi schulterzuckend mit dem atheistischen Bedeutungsverlust
zu enden.

"Der Flinz
Nächtlich zog die Schar der Wilden
zu ihrem alten Opferstein,
wo sie ihre Blutgier stillten,
geblendet noch durch Feuerschein.
Bestimmt war dazu junges Blut
als Opfer für die Heidenbrut.
Bekanntlich bei Gewitter der Nacht
wurden sie da umgebracht.
Wen sie brachten zum Götterstein
sah niemals wieder Sonnenschein.
Bedenklich war der Götter Wecken,
verwerflich war der Wilden Wahn,
der Gletscherstein, der Opferschrecken,
die Zeit zerbrach ihn Zahn um Zahn.
Der Flinz, als Opferstein vergänglich,
es war der Menschen Phantasie,
und was man dort im Sumpfe schaute,
dieses, ja dieses sah die Nachwelt nie.
Drauf singt der Vogel sein Abendlied,
der Schnitter unbeachtet vorüberzieht,
wie alles in dauerndem Wechsel kreist,
so ging es auch dem Fuhnegeist."

Die Zeit des Flinz als heiliger Stein ab dem 8. Jahrhundert
und bis zur Reformation, zwischenzeitlich sogar mit einem
Marienstandbild versehen, bleibt darin außen vor. Exemplarisch
für die zahlreichen mittelalterlichen Sagen, die
einen wütenden Teufel oder Riesen zum Ausgangspunkt
nehmen, der einst einen Stein in Richtung Kirche geschleudert
haben soll, der damit zum Teufelsstein wurde,
sei hier auch die zum Flinz gehörige Geschichte vom
betrogenen Teufel erzählt. Wenn man bedenkt, dass die
frühen Christen mit ihrem Glaubensbekenntnis zunächst
dem Teufel abschwören mussten, lässt sich die Macht
dieser Erzählungen erahnen.

"Widersagst du dem Teufel?
Ich widersage dem Teufel.
Widersagst du seiner Pracht?
Ich widersage seiner Pracht
Widersagst du all seinen Worten und Werken, dem
Götzen Thor, und dem Wodan, und dem Odin der
Sachsen und all den bösen Geistern, welche dieser
Götzen Mitgenossen sind?
Ich widersage.

Der betrogene Teufel
Auf der Spitze des Petersberges stand ein Mönch des
dortigen Klosters und blickte vergnügt gen Wadendorf,
wo die Kirche gebaut wurde. Da gesellte sich der Teufel
zu ihm und suchte seine Freude zu verderben. „Freue
dich nicht zu früh, Mönchlein“, begann er, denn ich habe
noch Gewalt über jene Kirche und kann sie im Augenblick
zertrümmern, es müsste denn sein, dass ein Mensch mir
freiwillig seine Seele dafür opferte. Willst du dies etwa
tun?“ fügte er höhnisch hinzu. „Ich wäre gern bereit“, erwiderte
unerschrocken der fromme Mann, „meine Seele
hinzugeben, wenn die Kirche dafür erhalten würde, aber
ich kann dir nicht glauben; wie wäre es möglich, dass du
Macht über einen Kirchenbau, ein so gottgefälliges Werk,
hättest?“ Darüber stritten sie eine Weile hin und her; bis
der Teufel, durch den Widerspruch gereizt, auf ein daliegendes
riesiges Felsstück wies und ausrief: „Ehe du drei
Ave Marias sprechen kannst, will ich die ganze Kirche mit
diesem Felsblock zerschmettert haben! Mache ich dies
nicht wahr, so soll sie auf immer stehen bleiben, und deine
arme Seele magst du auch behalten.“ „Es gilt!“, sagte der
Mönch. So ergriff der Teufel den Felsblock, schwang ihn
zum Wurf und schleuderte ihn mit furchtbarer Kraft nach
der Kirche hin. Der Mönch aber sprach rasch, indem er
das ganze Avemaria-Gebet in drei Worten zusammenzog:
„Ave Maria Amen, Ave Maria Amen, Ave Maria Amen“, und
bei der letzten Silbe hatte das Felsstück sein Ziel noch
nicht erreicht, sondern stürzte aus der Luft nieder und
schlug an der Stelle auf, wo er noch heute liegt. Ave Maria,
miracula. Und grimmig stand der Teufel da."

Seit Oktober 2017 hat Henning Rogge an vierzig Standorten
in Deutschland, Österreich und Tschechien Teufelssteine
fotografiert. Eine zur Ausstellung erschienene
Broschüre versammelt in assoziativer Folge eine ganze
Reihe der dazugehörigen Mythen. Im Kern charakterisieren
sie den Teufel – oder einen Riesen – als mächtigen,
aber dümmlichen Widersacher aller Tüchtigen, Tapferen
und Gläubigen. Denn trotz Superkräfte versagt das Böse in
den entscheidenden Details: Steinwürfe werden verfehlt,
Hähne krähen zu fru?h und beenden die Nacht, Jähzorn
vernebelt die Sinne. Viele der Findlinge verfügen über
markante Prägungen, die diesen Geschichten Nahrung
geben. Da gibt es Finger- und Fußabdrücke zu sehen,
ganz zu schweigen von den tiefen Rinnen, in denen früher
das Blut der Opfer floss. Je mehr man sich darauf einlässt,
desto phantastischer wird es. Traditionell gibt es eine
enge Verbindung zwischen Fotografie und dem Glauben
an Geister. Auch davon erzählen Rogges Bilder, allerdings
subtil und ohne jeden Hokuspokus.

Britta Peters


(1) 2008 hat Henning Rogge mit der Arbeit an den Bombenkratern begonnen. Die Serie wurde 2013 in der Galerie Jo van de Loo vorgestellt und seitdem in verschiedenen
Ausstellungszusammenhängen gezeigt, u.a. 2015 bei Fire and Forget. On Violence, KW Institute for Contemporary Art, Berlin. In seiner Besprechung der Serie
für das Online-Journal Drainmag stellt Ricky Varghese einen interessanten Bezug zu Freuds Begriff der „offenen Wunden“ her und beschreibt die Bombenkrater als
ein Paradox aus Etwas (something) und Nichts (nothing). Vgl. http://drainmag.com/bombenkrater/. Der Beginn der Teufelsstein-Serie datiert auf Oktober 2017.

(2) Alle mit "..." gekennzeichneten Textstellen sind den Recherchen zum Flinz auf der Webseite der Stadt Zörbig entnommen (Konrad Reiß, Schachmuseum Löberitz).