galerie JO VAN DE LOO
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THE ARTIST




Text:
Dr. Monika Bayer-Wermuth

Homme Fatal

Das französische Wort für Mann, „homme“, leitet sich aus dem Lateinischen ab und lässt sich sowohl mit „Mann“, als auch allgemein mit „Mensch“ übersetzen. Der „Homme Fatal“ bezeichnet entsprechend nicht nur einen einzelnen Mann, sondern den fatalen Menschen in seiner Gesamtheit. Dieser Deutung noch vorangehend ist die unmittelbare Assoziation mit der wesentlich geläufigeren Figur der „Femme Fatale,“ der dank ihrer verhängnisvollen Mischung aus Schönheit, erotischer Anziehungskraft und mysteriös dämonischer Kräfte die Männer verfallen. Sie verlieren jegliche Form der Selbstkontrolle und stürzen sich haltlos ins Unglück. Der oberflächliche Eindruck, man hätte es mit einer selbstbestimmten Frau zu tun, die imstande ist, Macht auszuüben, zerbricht, sobald sie in ihrer Rolle als Mittel oder sogar Lizenz des Mannes für eine Abkehr vom Rationalen agiert. Sie ist eine gute Entschuldigung, eine Ausrede. Sie macht den Mann zum Opfer, da er keine Wahl mehr hat oder nie hatte, und so hypnotisiert, eigentlich gar nicht mehr er selbst, der Sünde folgt. Tatsächlich ist es etwas komplexer. Dennoch bleibt die Vorstellung eines durch Männer definierten und imaginierten Frauentypus, der eine unwiderstehliche Gefahr und Falle für jeden Mann darstellt. Während im Deutschen die Bedeutung von „fatal“ bereits eine gewisse Gravitas hat und etwa als folgenschwer, verhängnisvoll und katastrophal beschreibt, geht das Französische, wie auch das Englische noch weiter - tödlich ist, was als „fatal“ bezeichnet wird.

Rousseaus Frage – Rousseaus Antwort

Die natürliche Umgebung des Menschen lässt sich nicht „in der Natur“ finden. „Zu Wohnen“ zählt zu den menschlichen Grundbedürfnissen. Wohnen ist dabei nicht nur Behausung, sondern auch Repräsentation. Die Art zu wohnen gibt Auskunft über den gesellschaftlichen Stand oder Status, seit dem 19. Jahrhundert immer mehr auch über persönlichen Geschmack oder die politische Einstellung. Das Schloss repräsentiert Macht und Wohlstand und symbolisiert selbstverliebte Romantik, zugleich ist es architektonischer Ausdruck der Monarchie, von Absolutismus und Feudalismus. In den industriell aktualisierten Schlösseransichten Chwatals sind es die Fabrikbesitzer, die ihren Wohlstand mit vergleichbaren Mitteln artikulieren, und darin ob des ästhetisch weniger ansprechenden Raubbaus an ihrer sie umgebenden Natur kläglich scheitern. Sogar die Arbeitersiedlung wurde hier als postkartentaugliche Schlossanlage für die vielen konzipiert. Bei näherer Betrachtung entpuppen die niedrigen Gartenzäune und die Drahtengelskulptur im Zentrum die Anlage allerdings als Ort kleinbürgerlicher Spießigkeit. Die geschlossene Anordnung der Gebäude – komplett symmetrisch angelegt und nur auf die notwendigen Aspekte beschränkt – erinnert darüber hinaus mehr an Lagerarchitektur als an ein herrschaftliches Lebensgefühl. Einzig der Kunstliebende, der tags die Touristen durch die Prunksäle führt, ihrerseits durch abstrakte Kunst aktualisiert, vermag zumindest nachts zurück zur Natur zu finden. Oder ordnet er sich vollkommen der Kunst unter? Das bleibt offen. Deutlich ist, dass er eine gewisse Widerständigkeit in sich trägt, sich nicht in die ihn umgebende Gesellschaft einzufügen. Bei den Darstellungen von Dingen scheint sich das jedem praktischen Zweck entleerte und vollkommen nach der Fantasie gestaltete Objet d’art organischer in die Landschaft einzufügen, als die dem lebenden Vorbild nachempfundenen Badeenten, die scheinbar weinend auf hoher See als Plastikmüll dahintreiben. Über allem thronen die archaisch wirkenden Maskenzeichnungen. Sie bilden sozusagen die Überschrift für die fatale Ambivalenz zwischen Verherrlichung und Ausbeutung des vermeintlich „Natürlichen“.

Habemus Noxium

Der alttestamentarische Auftrag sich die Erde Untertan zu machen sowie der Umgang der Kirche mit ihren Mitmenschen bilden einen kritischen Aspekt in Chwatals künstlerischer Gesellschaftsbeobachtung. Letzterer verbildlicht sich in der großen farbigen Malerei, die eine Premiere für den hauptsächlich mit Bleistift und Tusche arbeitenden Chwatal ist. Körperliche Gewalt und vertuschte Missbrauchsfälle in den Kirchengemeinden fanden einen tragischen Höhepunkt im Fall des australischen Kardinals Prell, der vor den Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs als Nummer drei des Vatikans firmierte. Er gab den faktischen Ausgangspunkt für das Bild. Auch hier verortet sich der Homme Fatal, der in dieser Malerei sowohl von einer männlichen als auch einer weiblichen Figur vertreten wird, innerhalb eines Systems aus Rang und Repräsentation, das ihm erlaubt sich über andere zu stellen. Hoffnung gibt die Figur des Ministranten im Mittelpunkt des Werkes. Sie bringt Licht ins Dunkle und verlässt sich nicht auf Hörensagen. Dass die Verurteilung während der Entstehung des Werkes von einer Richterin aufgehoben wurde, weil die Beweislage nicht ausreichend war, verdeutlicht einmal mehr, wie dynamisch Bilddeutungsprozesse sind und fügt der kritischen Haltung gegenüber Machtsystemen sogar noch eine weitere Ebene hinzu.

Galanta

Der moderne Eremit ist Chwatals Gegenentwurf zum Homme Fatal. Er hat sich aus dem urbanen Raum zurückgezogen, ohne soziale Kontakte zu meiden. Er baut auf DIY-Praxis anstatt auf Konsum und zelebriert das Flötenspiel anstatt seines Netflix-Accounts. Er lebt in einer kleinen Community und ist deshalb nicht ganz so eremitisch, wie es zunächst klingt. Was daran, abseits der Aktualität des Social Distancings und der Isolation, ebenfalls interessant ist, ist Chwatals Bezugnahme zu Rousseau. Aus jetziger Perspektive gelesen, wäre nach Rousseau das urbane Leben in bevölkerungsdichten Ballungsräumen dem Menschen wesensfremd und würde ihn erst zum Schlechten, zur Selbstsucht und Oberflächlichkeit leiten, die Ungleichheit ihm permanent vor Augen führend. Wie sich dies in einer Landschaft und Stadt vereinenden Utopie denken lässt, zeigt Chwatals „Galanta“. In dieser Parklandschaft, die – so romantisch-nostalgisch sie wirken mag – einen anarchischen Gesellschaftsansatz verfolgt, finden sich verstreut Behausungen. Diese werden als schlossähnliche Architekturen in Symbiose mit der Natur von Bäumen und Pflanzen umrankt und umschlungen, vielleicht auch irgendwann verschlungen.
Dass Interpretationen nicht nur über die Zeit hinweg in einem ständigen Flux, sondern auch von Personen und letztlich Machtgefügen abhängig sind, zeigt – beispielsweise und in diesem Zusammenhang passend – die revolutionäre Enzyklika „Laudato si“. Papst Franziskus stellte 2015 deutlich fest, dass mit dem „Dominum Terrae“, der klassischerweise als „Macht Euch die Erde Untertan“ übersetzt wird, im eigentlichen Sinne eine Fürsorgepflicht des Menschen für die Erde ausgedrückt sei, und nicht die gottgegebene Lizenz ihrer Ausbeutung.



Andreas Chwatal (geb. 1982 in Regensburg, lebt und arbeitet in Burglengenfeld) verweigert sich einer in instrumenteller Weise durchgeführten Produktion, indem er Arbeiten kreiert, die durch die enorme Akkuratesse den Betrachter herausfordern und den Blick verlangsamen, indem sie die Interpretation erschweren und in diesem Sinn kein ideales Produkt darstellen. In den Vordergrund tritt der Schöpfungsprozess, die Suche nach dem Unberührten. Der Künstler bewegt sich damit im Spannungsfeld zwischen Schöpfen-Müssen und natürlicher Belassenheit und sucht immer neue Wege, diese Magie des Naturzustands herbeizuführen, wie etwa in seinen abstrakten Tuschebildern durch den kontrollierten Einsatz von Zufall und Fehler.
Der Titel der kommenden Einzelausstellung von Andreas Chwatal „Homme fatal“ bezieht sich auf die ganze Menschheit (homme= Mann, Menschheit), und in diesem Kontext konkret auf den Umgang der Menschheit mit der Natur.
Eine wiederkehrende Thematik im Oeuvre des Künstlers ist u.A. das Motiv des Schlosses. Dies ist vielleicht auf den ersten Blick romantisch, jedoch kann man es auch als einen Hinweis auf Feudalismus, Absolutismus und die Knechtschaft und Ungleichheit der Menschen deuten. Derart erhaben und absolut wie früher die Fürsten, herrscht heute die ganze Menschheit über die Natur und knechtet sie. Hier enthüllt der nostalgische Blick des Künstlers gleichzeitig die Problemanalyse der Gegenwart. All dies ist also eine Machtfrage: der Machtmissbrauch der Menschen untereinander und der Natur gegenüber.
Ob es sich - wie der Titel im Wortspiel Mann bzw. Menschheit andeutet - dabei nun um eine primär männliche oder doch allgemein menschliche Herangehensweise handelt, die sich letztlich aus dem Bibelauftrag herleitet, sich die Natur untertan zu machen, muss sich der Betrachter selbst fragen.¬

In der Ausstellung „Homme fatal“ zeigt die Galerie JO VAN DE LOO neben neuen Zeichnungen auch erstmals großformatige Gemälde des Künstlers.